USBEKISTAN REISEN – Ein Märchen verliert seine Unschuld

29. Dez. 2018 :: Seit sechs Jahren hatten wir Usbekistan im Programm. Wie immer haben wir diese Reise auch selbst im Land erkundet. Wie immer haben wir bei der Gestaltung auf den besonderen Charme und auch auf die Verbindung mit der Natur Wert gelegt. Nicht nur Kultur-Gänsemarsch von einem Ort zum nächsten. Nicht nur schnell ein paar Fotos, ohne nachhaltig berührt zu sein. Nicht nur geschichtliche Fakten, sondern auch wirkliche Nähe. Tatsächlich konnten wir in Usbekistan etwas finden, was wundervoll an das orientalische Märchen aus 1001 Nacht erinnert. Tatsächlich war ein orientalischer Zauber an einigen Orten sehr zu spüren. Plötzlich jedoch ist alles anders.

Alle Usbekistan Reisen bis auf weiteres eingestellt

Wir hatten noch nie zuvor so viele Anfragen für Usbekistan, wie in den letzten Monaten des Jahres 2018. Das sollte einen Reiseveranstalter eigentlich erfreuen. Dennoch haben wir uns zu einem ungewöhnlichen Schritt entschlossen. Wir stellen alle Reisen nach Usbekistan bis auf weiteres ein. Warum?

Usbekistan wurde quasi über Nacht ein Ziel des Massentourismus, ohne wirklich gerüstet für diese Nachfrage zu sein. Reise- und Visa-Erleichterungen wurden von der Regierung im großen Umfang für 27 Staaten verabschiedet, weitere werden noch folgen. Westliche Medien berichten nun von diesem märchenhaften Land. Auch im nahen China wird es populär. Große Tourismusveranstalter puschen diese Meldungen im eigenen Interesse. Plötzlich katapultierte die Zahl der Besucher nach oben. Doch die negativen Begleiterscheinungen sind erheblich. Hotels sind überbucht, qualifizierte Reiseleiter und Fahrer kaum zu finden. Reiseleiter und Partneragenturen mit einem Verständnis für unsere Reise-Philosophie sind noch viel seltener oder nicht vorhanden. Unzuverlässigkeit oder unangenehme Überraschungen überall.

Die Reisenden wollen natürlich den Charme dieser alten Städte hautnah erleben und fotografieren, deren klanghafte Namen in ihre Sinne dringen. Aber in den alten schönen Gassen gibt es nur wenige kleinere charmante Hotels, die dem entsprechen. Hoffnungslose Überbuchungen sind die Folge; oder Ausquartierungen in Ersatz-Unterkünfte, die nicht diesen Charme besitzen.

Die Reisenden sind beeindruckt von der Pracht der alten Gebäude auf den Fotos. Diese Pracht gibt es tatsächlich. Doch gibt es angesichts dieser luxuriösen Schönheit auch automatisch eine entsprechende Erwartungshaltung bei den Gästen an die Qualität der Unterbringung, die jedoch keineswegs immer befriedigt werden kann.

Die wenigen Möglichkeiten für Tourismus in den ländlichen Regionen von Usbekistan sehen sich ebenfalls einer nie gekannten Nachfrage gegenüber. "Die Bauernfamilie des Gästehauses war kaum selbst zu sehen", berichteten unsere letzten Kunden. Stattdessen saßen über 30 Touristen aus aller Welt mit am Tisch; was nicht unbedingt schlecht ist, nur, ein authentisches Dorf- und Familienerlebnis ist das nicht mehr.

Keine verlässlichen Hotelbuchungen

Wir haben in den letzten Wochen einige Hotels in Usbekistan angeschrieben; und natürlich kennen wir die Favoriten: jene mit Charme und Flair, in den alten schönen Gassen. Nicht eine einzige bestätigte Reservierung für 2019 liegt uns bis jetzt (8 Wochen später) von diesen favorisierten Hotels vor. Wir müssten also mit sehr wackeligen Eventualitäten arbeiten, oder schon jetzt auf Alternativen ausweichen, die uns nicht wirklich überzeugen. Doch wie sollen wir damit unsere Kunden überzeugen?

Gleichzeitig bekommen wir aber fast wöchentlich Angebote von verschiedenen Reiseagenturen aus Usbekistan und dessen Nachbarländern, die erst jüngst gegründet wurden und die Usbekistan groß vermarkten wollen. Sie wollen sich beteiligen, wenn der Kuchen mit dem Märchen aus 1001 Nacht verteilt wird. Doch keiner unserer Gäste, die sich etwas näher mit unserer Philosophie beschäftigt haben - und besonders unsere Stammgäste - wären glücklich mit solchen Angeboten.

Massentourismus, eine weltweite Erscheinung

Selbstverständlich ist Massentourismus schon lange eine weltweite Erscheinung. Doch in der Mehrheit der Länder mit Massentourismus gibt es auch Ausweichmöglichkeiten für andere Ansprüche und anderes reisen. Das dürfte aber in Usbekistan extrem schwierig bis unmöglich werden. Die kleinen alten Städte - welche ja hier das Hauptziel aller Besucher sind - werden nicht größer werden. Es gibt im wesentlichen nur drei Städte, die als Perlen immer wieder hervorstechen und von allen Reisenden angesteuert werden: Chiwa, Buchara und Samarkand. Deren Anzahl wird definitiv so bleiben. Die Stadt Chiwa ist schon heute innerhalb ihrer alten Stadtmauer komplett ein Museum; was zwar verständlich, aber der authentischen Ausstrahlung dieses Ortes nicht unbedingt zuträglich ist. Also wird es größere neue Hotels nur am Stadtrand geben, um die Touristen-Massen unterzubringen. Doch diese neuen Hotels haben nicht den Charme der alten Gassen und Höfe. Das ist unmöglich. Doch sie haben dann immerhin wahrscheinlich westlichen Standard.

Ein Dilemma für das Land

Das Land steckt in einem Dilemma. Einerseits möchte es natürlich von seinem alten Kapital profitieren, von seinem Glanz, dessen Kunde nun in alle Länder dringt. Große Partner, die auf diesen Zug gern aufspringen, wird es finden. Zum anderen wird aber genau diese exzessive Vermarktung zu nichts anderem führen, als der Zerstörung jenes Glanzes. Die Seele, die diesem Charme eigentlich innewohnt, wird es bald nicht mehr geben; und übrig bleiben leere Fassaden, an denen große Reisegruppen mit Wimpel und Megaphone vorbeiziehen, und wo geschulte Stadtführer brav geschichtliche Fakten herunter rasseln.

Buchara - für uns die schönste Stadt von Usbekistan - ist größer als Chiwa und noch voller Leben. Doch die schöne Innenstadt ist bei weitem nicht so groß, dass diese reizvollen Straßen, Gassen und alten Plätze neue große Hotels aufnehmen könnten. Samarkand ist noch größer, aber auch dort werden neue Hotels eher nur an der Peripherie entstehen können, oder der Charme der Innenstadt wird komplett zerstört. Schon jetzt haben auch die bestehenden Hotels an den Stadträndern Hochkonjunktur, ohne jedoch etwas dafür tun zu müssen.

Anders reisen

Als ich vor einigen Jahren in einem kleinen abgelegenen Dorf im Süden von Usbekistan unterwegs war - einem Dorf, wo die Kinder noch mit dem Esel in die Schule reiten –, wollte ich voller Begeisterung den Esel-Parkplatz vor der Schule fotografieren. Doch das wurde mir von dem heraneilenden stellvertretenden Schuldirektor energisch verboten. Dieser - so erklärte mir mein einheimischer Begleiter später - wollte vermeiden, dass ich meine Fotos in Westeuropa verbreiten könnte, weil dann jeder sehen würde, wie rückständig sein Land sei. Der stellvertretende Schuldirektor tat dies auch, erfuhr ich weiter, weil er damit ganz vermeintlich im Sinne des usbekischen Präsidenten handelte, der sein Land nach außen als modern darstellen wolle.

Den autokratischen Präsidenten von damals gibt es seit 2016 nicht mehr. Doch in welche Richtung steuert Usbekistan heute? Wird es das Märchen aus 1001 Nacht in ein paar Jahren in Usbekistan noch geben? Ich würde mich sehr freuen, irgendwann wieder lachende Kinder zu sehen, die geschickt auf Eseln reiten, ihre Schulmappe auf dem Rücken. Ich würde mich sehr freuen, in den Charme von Buchara eintauchen zu können, bei einem gemütlichen Spaziergang durch die alten Gassen, oder irgendwo gedankenversunken an einem lauschigen Plätzchen hinter trutzigen Mauern verweilend. Doch die Chancen dafür sehen gegenwärtig alles andere als gut aus.

Hemmungsloses Vermarkten

Die Chancen, dass Usbekistan hemmungslos vermarktet wird, sind nicht nur sehr groß, sondern es geschieht praktisch schon. Viele Besucher wird das auch gar nicht stören, insbesondere nicht, solange die Reise günstig ist. Vielen anderen wird es gar nicht auffallen, weil sie es eh nicht anders kennen lernten und vergleichen könnten. Ebenso werden viele das "andere", was wir versuchen zu finden und anzubieten, nicht vermissen. Doch wir werden Usbekistan, wie wir es kennengelernt haben, vermissen.

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Hinweis: Naturliebhaber, die nach Zentralasien reisen möchten, finden nach wie vor im Nachbarland Kirgistan ein wunderschönes und nicht überlaufenes Reiseziel. Eine Reise nach Kirgistan führt jedoch nicht zu prachtvollen Kulturdenkmälern wie in Usbekistan, doch was die Naturschönheit betrifft, darin übertrifft Kirgistan sein Nachbarland Usbekistan gleich um Längen.

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